Am Freitagabend zu später Stunde entschied ich mich kurzfristig, einem Ereignis der etwas ungewöhnlichen Art beizuwohnen. Grund: es handelte sich um einen Auftritt der Boygroup Knorkator. Ort der Veranstaltung war der Klub Neue Mensa, wo normalerweise schlaue Köpfe dinieren. Kurz vor dem geplanten Einlasszeitpunkt hatte sich bereits eine Unmenge an Interessierten eingefunden.
Doch wir mussten uns in Geduld üben, denn der tatsächliche Einlass fand leider erst eine Stunde später statt. Doch dann war es soweit und mein Begleiter und ich platzierten uns direkt vor der Bühne und vor den Lautsprechern. Ein folgenschwerer Fehler, wie wir später bemerken sollten. Denn schon die Vorband machte sich lautstark bemerkbar, was zu spürbaren Schwingungen des Trommelfelles führte.
Sie nannten sich „Lipsticks“ und spielten von den Ramones inspirierte Punk-Stücke. Es handelte sich um nichts Weltbewegendes, aber gut gesungen und gespielt wurde nichtsdestotrotz. Zudem waren die Mädels allesamt sehr nett anzusehen.
Bedauerlich, dass den Drummer stets das Schicksal ereilt, im Hintergrund versteckt zu werden. Doch die Menge ließ sich noch nicht so recht begeistern, weshalb sich die Zwischenrufe meist auf „Ausziehen!“ oder „Knorkator!“ beschränkten. Doch die Lipsticks nahmen dies gelassen hin und zeigten eine gute Show als Newcomer. Je länger sie spielten, umso deutlicher wurde, dass sie musikalisch durchaus etwas zu bieten hatten. Doch nach einigen weiteren Stücken schlossen sie ihren Auftritt ab und räumten die Bühne.
Nun hielt der Wahnsinn auf luftigem Wege (siehe erste Videoaufnahme) Einzug und warf der Menge augenblicklich schmetternde Gittarrentöne entgegen. Die „meiste Band Deutschlands“ schickte sich nun an, sowohl unsere Stimmbänder, unsere Lachmuskeln als auch praktisch den gesamten restlichen Körper gehörig zu fordern. Sogleich in den ersten Stücken weihte Alf Ator sein „Zepter“ ein, was ein einfältiger Mensch als Klobürste ansehen würde. Der Stumpen zeigte im Verlaufe des gesamten Abends, warum er eigentlich ebenso gut eine Karriere als Akrobat hätte einschlagen können.
Die Texte der gespielten Stücke waren – obwohl schwierig akustisch zu verstehen – sowohl stark satirisch aber teilweise auch einfach nur urkomisch und in Kombination mit Mimik und Gestik von Alf Ator sowie Stumpen (Buzz Dee bewegte sich kaum) ein einmaliges Erlebnis. Und auch das Publikum wurde munter in die Vorführung eingebunden, sei es durch kleine Dialoge oder vorherrschende Monologe (auch wenn der Unterschied kaum wahrnehmbar war) als auch dadurch, dass Alf Ator kräftig sein „Schlaginstrument“ auf die Menge niedersausen ließ.
Auch liebevolle Beleidigungen wurden zwischen Band und Publikum ausgetauscht. Zudem ist Knorkator die allererste mir bekannte Band, die sich um das leibliche Wohl seines Publikums sorgt. So wurden passend zum Stück „Ma Baker“ Toastscheiben ins Publikum (und zurück) „gereicht“, was die erste Stufe der Verwahrlosung der Bühne darstellte. Etwas später folgten hier noch eine Konfetti- und eine Laubdusche.
Von den gespielten Stücken waren mir persönlich leider nur drei akustisch und davon zwei namentlich bekannt, was dem Gesamterlebnis jedoch keinen Abbruch tat. Ich vernahm auch mit Interesse unsere baldige „internationale Nationalhymne“ namens „Wir werden alle sterben“; ein sehr vielversprechendes Stück. Im weiteren Verlauf der Entertainment-Show wurden einige ausgefallene Musikinstrumente eingebracht und so manches auch über den Jordan geschickt. So wurde zum Beispiel Alfs Orgel immer mehr in ihre Einzelteile zerlegt. Und wieder einmal stellte der Stumpen seine Körperbeherrschung unter Beweis, denn er erklomm seinen Buzz Dee und verließ ihn mit einem Handstand. Diverse Tänze wurden auch seinerseits vorgeführt, wobei unter anderem Bruce Lee von Stolz erfüllt gewesen wäre.
Zu (beinahe) guter Letzt wurde noch „Weg nach unten“, ein mir persönlich bekanntes und geschätztes Stück, gespielt und das Publikum beteiligte sich akustisch so gut es möglich war. Danach sollte eigentlich Schluss sein, doch wie so üblich ließen wir uns damit nicht abspeisen und forderten eine Zugabe. Man zeigte sich gnädig und fragte uns sogar, wie viele Stücke es denn sein sollten. Wir einigten uns nach kurzen Verhandlungen auf drei und genossen diese letzten Minuten mit den Chaoten. Am Ende der Vorführung sah die Bühne aus wie ein Schlachtfeld; wer diese Sauerei danach wieder sauber zu machen hatte, verdient tiefsten Respekt.
Jedenfalls lag nun ein lohnender Abend hinter mir und bereits auf dem Heimweg und am darauf folgenden Tage machten sich die Auswirkungen der Lautsprecher bemerkbar. Mein Begleiter und ich wurden stets von einem lauschigen Rauschen und einem sympathisch hellen Ton begleitet, was die Kommunikation untereinander und mit anderen etwas erschwerte. Aber „das war’s wert“.
Meine Videoaufnahmen sind dieses Mal aufgrund der zu geringen Entfernung zu den Lautsprechern akustisch etwas verunstaltet, aber dennoch sehenswert. Auch von den Lipsticks gab es im Übrigen eine Aufnahme, doch diese ist fast gänzlich unbrauchbar. Darum beschränke ich mich auf „Verflucht und zugenäht“, Knorkators Intro, sowie „Kurz und klein & Hardcore“. Sämtliche Bilder zu diesem Erlebnis für alle Sinne finden sich hier:
Eine Mitbewohnerin begleitet eine der Bands nun schon seit einigen Jahren und kennt auch Carter, den Gitarristen besagter Band sehr gut, ihr war also ein Eintrag auf der Gästeliste sicher. Und nachdem ich mir die Namen der angekündigten Bands einmal auf der Zunge habe zergehen lassen, war für mich klar, dass ich unbedingt dabei sein musste. Die Anreise zum Ort des Geschehens gestaltete sich dank der ständig verkehrenden Straßenbahn sehr unkompliziert und dort angekommen waren auch bereits sehr viele, mehr oder weniger geduldig auf den Einlass wartende, Musikliebhaber zu sehen.
Es handelte sich um ein weiträumiges Gelände mit vielen größeren gänzlich mit karminroten Ziegeln errichteten Gebäuden. Der Gedanke, dass es sich hier in der Tat um einen sehr guten Platz für solcherlei Veranstaltungen handelte, bestätigte sich nach dem Einlass in die „Reithalle“ umso mehr. Das Innere dieser Halle war reich an Platz und Elektronik für die Tonanlage. Das Kommende musste schlichtweg gut werden. Nach kurzer Zeit trafen wir auch auf besagten Gitarristen und unterhielten uns kurz mit ihm, bevor er in Vorbereitung auf seinen Auftritt wieder verschwand.
Wiederum nach etwas Wartezeit begann die Veranstaltung nun endlich punkt Acht Uhr mit dem Auftritt von
Diese endete schlagartig, als die ersten Mitglieder der Opelgang von
Nun war die Menge bereit für den nächsten hochkarätigen Auftritt. Und passend dazu wurde auch die Stimmung des Bühnenbildes durch das Aufstellen vieler Kerzen angepasst. Das Licht wurde gedimmt und die Bühne in einen tiefen Blauton getaucht …
Musikwünsche aus dem Publikum wurden von der Band dankend angenommen und so kam, zumindest meinerseits, Gänsehautstimmung auf, als kurz vor Schluss noch „Freiheit“ gespielt wurde: „Wenn ich fühle, dass ich lebe, dann will ich lauter schrein’!“ – und genau das tat das Publikum auch. Es gab kein Halten mehr, was letztendlich gegen Ende des Auftritts in einen minutenlangen Applaus mündete. Der Graf zeigte sich angesichts der Begeisterung des Publikums vollkommen überwältigt und titulierte Dresden als „ein Highlight der Tour“. Noch mehr Applaus war ihm nun natürlich sicher. Und selbst Banalitäten wie ein Tonproblem wurde herzhaft von Applaus begleitet. Es folgte noch ein letztes Stück, bevor die Band schließlich die Bühne verließ. Ein wahrhaft überwältigender Auftritt.
Mittlerweile zeigten sich bei mir erste Anzeichen von Erschöpfung, weshalb ich aus der immer weiter zusammenrückenden Menge flüchtete und am Merchandising-Stand wieder auf meine Beleiterin traf. Ich besorgte mir etwas zu Trinken, unterhielt mich ein wenig mit den Mitgliedern von Down Below und warf einen Blick auf das Angebot besagten Standes.